Montag, 28. Dezember 2015

2015

Januar
Ich verstehe viel von Mama und mir, pflege meine Essstörung, gehe in Freistunden schwimmen, nehme ab
Ich beginne, mich um eine Ernährungsberatung zu kümmern
Ich fahre zum Kennenlernseminar meiner Organisation und erkranke an einen extremen Form von Fernweh

Februar
Ein letztes Mal Berlin; Wortumfeld, Leute, die dieselbe Sprache sprechen, Sprechen in Wortfetzen, Menschenseelen, ich selbst sein
Ich gehe nicht zu dem Ernährungsberatungstermin und melde mich nie wieder

März
Ich bekomme die Zulassung zum Abitur, die Schule ist mir zu viel, ich habe Angst vor dem Leben und träume von Argentinien

Ich bekomme die Zusage von meiner Organisation, dass ich fahren darf und auch zu meiner Traumstelle

April
Ich schreibe mir Spickzettel mit Rasierklingen in die Haut und schleudere irgendwie ohne zu lernen durch mein Deutsch- und Englischabitur
Ich lerne, was es bedeutet, einen großen Bruder zu haben; ich ziehe ein paar Tage zu ihm und lerne mir den Kopf weg, er bringt mich sicher durch mein Matheabitur, das am Ende meine beste Klausur sein wird

Mai
Mein mündliches Abitur bestehe ich mit 15 Punkten, mein Zwillingsbruder auch, wir gehen freudestrahlend aus diesem Schulgebäude, ich betrinke mich und tanze aus dem Schulgebäude

Mein Kopf ist schon längst in Argentinien, ich habe Angst vor dem Vermissen und versuche, meine Freunde wegzustoßen, damit es weniger wehtut

Juni
Ich lese auf einer Schulveranstaltung aus meinem Buch und sage einer Lehrerin ins Gesicht, dass ich endlich glücklich bin, jetzt, wo ich nicht mehr zur Schule muss, jetzt, wo ich frei bin
Ich bekomme meine Abiturnote, 1,6 insgesamt und bin eigentlich ganz zufrieden
Abiball mit der Grundschulfreundin, Nostalgie, viel Alkohol

Meine Freunde lassen sich nicht wegstoßen
Ich sehe ein, dass ich sie brauche, jetzt und hier und am Ende der Welt

Juli
Der schönste Monat dieses Jahres; ich erlebe die Welt bewusst in ihrem Abschied, Stalltage mit Sassi, auf Pferderücken schwimmen, Leichtigkeit, aber auch Trauer, Abschied
Ein Vorbereitungsseminar, ich  bin ein Ball voller Vorfreude, will das Leben schmecken, will nach Argentinien
Mir geht es gut, so gut
Ich vergesse, dass ich eine Essstörung habe und in scharfe Gegenstände verliebt bin
Meine Haut heilt und ich langsam auch

August
Abschiede
Ein Flugzeug und ich darin
Die größte Freude und Euphorie, ein Land, dass ich liebe, Leute, die ich liebe, eine Arbeit, die ich liebe
Ich finde mich in der Sprache meiner Kindheit wieder und lerne meine Großeltern kennen
Ich erbreche mein Essen, weil keiner zuguckt, und stelle erschrocken fest, dass ich  mich mitgenommen habe
Ich ignoriere das und führe mein Euphorischsein weiter fort, in der Hoffnung, dass es auch in mir drin ankommt

September
Langsamer Alltag, das Gefühl von Einsamkeit, ich lass es nicht zu
Mein Geburtstag, irgendwie traurig und ich ziemlich allein dabei - ich blogge über einen tollen Tag und erzähle allen davon, wie schön es war
Eine Entscheidung für die Essstörung und gegen das Leben, damit ich nicht ganz so einsam bin und etwas habe, was mich hält
Ich streite mich heftig  mit meinen Großeltern und lerne mich zickig gemein kennen, ich mag das an mir erstaunlicherweise
Ein Katzenbaby zieht bei mir ein und macht mich glücklich, ich nenne es Nuriya, das bedeutet, die die das Licht bringt, genau das tut sie
Sie ist so winzig klein und so schutzbedürftig und kann nicht ohne mich, sodass ich sie den ganzen Tag in meinem Pulli trage
Ich merke nicht, dass ich ihr dabei mein Herz schenke, viel zu sehr

Oktober
Lügen, nicht mehr aufstehen können, etwas vorspielen
Nicht mehr zu meinen Großeltern gehen
Depressionen, Schwärze
Alles zu viel und nichts da

Ein zweites Katzenbaby zieht ein, ich nenne es Chocolina, die beiden sind mein Anker
Chocolina wird schrecklich krank, ich bange um ihr Leben, sie wird jeden Tag schwächer, ich trage sie in einem kleinen Handtuch zum Tierarzt, obwohl ich nicht mehr aufstehen will

Freundschaft begreifen, wie ich es noch nie begriffen habe; plötzlich sind zwei Menschen so nah, obwohl ich so weit weg bin und halten mich zusammen, manchmal auch um zwei Uhr Nachts und manchmal auch die ganze Nacht hindurch

Chocolina schafft es und für sie aufstehen müssen fällt weg und ich in mich zusammen

November
Der Entschluss, an Silvester zu sterben
Planungen und Versuche, Grenzen austesten und darüber gehen
Das Sterben vorziehen müssen auf Ende November, weil die Vorstellung, noch einen Monat länger auszuhalten, nicht geht
Alles durchplanen und an nichts anderes mehr denken können
_____

Aus dem Zimmer kommen und da steht diese Freundin und sieht dich an und sagt: Ich bin da
Nicht begreifen, in ihren Armen zusammenfallen
"Lass mich nicht hier, nimm mich  mit", ein geschluchzter Satz

Eine knappe Woche mit Mama und ihr, aushalten, mich abhalten, mich ablenken
Gleichzeitig die schönste Zeit in Argentinien erleben, so viel Lachen, so viel Nähe, so viel zusammen sein, zusammen halten
Insidergeschichten sammeln, die ein eigenes Buch verdient hätten

Meinen Lebensanker, meinen Halt, mindestens die Hälfte meines Herzens. In einem fremden Land zurück lassen. Der Schmerz ist nicht so groß wie die Schuld. Das Gefühl von Versagen und deshalb das Wichtigste verlieren brennt sich durch meinen ganzen Körper. Es zerfrisst mich. Nachts schreien die Katzenbabys nach mir. Vermissen ist ein viel zu kleines Wort. Denn sie waren alles.

Nach Hause kommen, Papa sehen und dann den Bruder und ihn in die Arme schließen und weinen
Klinik, Geschlossene, Tränen, Sterbenwollen, Sterben probieren, Angst, dagegen halt, krank sein und sich darein steigern und übertreffen, Tränen, die nicht meine sind, keiner weiß wohin.
Es gibt keine Richtungen mehr und kein Oben und Unten. Wir schweben alle und ich. Falle durch das Netz.

Dezember
Zuhause ankommen, die Nase wieder in Dunjas Fell vergraben, Pferdeschnauzen, ein erstes Mal wieder auf ihrem Rücken, getragen werden, kurz denken: Ich will leben

zusammengehalten werden von ihr, Tag und Nacht und dazwischen, jemanden so nah wie noch  nie haben und nicht begreifen, wie das geht

weinen, weil man plötzlich realisiert, dass man sie vermissen wird, wenn man an Silvester stirbt

Versprechen, leere und weniger leere und wichtige und weniger wichtige und jeden Atemzug überstehen, weil sie mich zusammenhält.

Aushalten

Einmal das russische Staatsballett tanzen sehen; sich in eine künstlich schöne Welt verlieben, zwei Stunden über nichts nachdenken, was wehtut

Und dann sterben.
Und das Sterben überleben.

Eine Familie verlieren. Und vor dem Nichts stehen.
Zu ihr fliehen und trotzdem weiter atmen.

4 Kommentare:

  1. Deine Worte sind so traurig... :(
    Ich hoffe für dich, dass bald wieder bessere Tage kommen!
    Wenn ich etwas für dich tun kann; ich bin da!
    Ich schicke dir etwas Kraft und drücke dich ♥
    Luca

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  2. Ich habe lange gebraucht, um dir zu antworten, ich weiß. Ja, dieses Gefühl, gesehen zu werden, ist schön, auch wenn es mir Angst macht. Vermutlich vertraue ich ihr mehr, als ich sollte, aber auf keinen Fall mehr, als sie es verdient hat.
    Zu deinem Jahr würde ich gerne so viel sagen und finde keine passenden Worte. Das Einzige, das ich wirklich formulieren kann: es ist gut, dass du lebst. Ich drück dich zurück <3 :)

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  3. Dir schmeckt saures wasser, ähhhm, fettfreies Jogurt auch so gut? Du, das ist ja ein Ding! Hm, dafür lass ich glatt jedes eis stehen. Und dann noch diese getrocnete Beerenmatsche aus dem Ofen...ein GEDICHT!!!! Himmlisch.



    ***

    Anna, liebe Anna, ich bin gerade ständig auf all deinen Blogs, freue mich über jedes Wort und Bild. Morgen geht von hier Post an dich und Clara raus!!

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  4. So traurige Worte und teilweise finde ich mich zu gut in ihnen wieder...ich habe mir am Ende des Jahres auch zu oft vorgestellt wie es wäre 2015 als letztes Jahr zu betrachten und habe es geschafft diese Gedanken bisher zu ignorieren. Auch wwnn ich nich weiß warum, haben mir die neuen Zahlen ein wenig neue Hoffnung geschenkt, auch wenn das absurd erscheint...vielleicht geht ws dir ja ähnlich und du kannst auch irgendwie uu Beginn des neuen Jahrws irgendeinen Neuanfang entdecken und sei er noch so klein ;)
    Ich hoffe du hattest eine schöne Zeit in Argentinien...wo warst du den da? Und wilsz du wieder zurück?
    Saludos
    María

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