Donnerstag, 16. Juni 2016

Ich musste noch einmal herkommen. Ich musste herkommen, um den Ort zu entzaubern, der in meiner Fantasie so viel Zuhause war. Da ist ein Fenster, zu dessen Zimmer ich gehörte. Einst. Doch all das ist so unendlich weit weg.
Es gibt noch Dinge; das Finselbachcafé, mein erster freiwilliger Apfelstrudelmitvanillesoße-Teelöffel mit meinem großen Bruder. Casablance, die Raucherabstiege mit Cindy. Der kleine Bäcker mit den perfekten Müslistangen, Mäc-Geiz, wo es die Antistressbälle für einen Euro gab. Der Kurpark ist bloß ein gewöhnlicher Park, das kleine Bächlein, aus abgestandenem, alten Wasser. Es ist schön. Es ist zauberlos. Und ich, ich passe nicht hinein. Ich bin zu groß geworden für mein vierzehnjähriges Ich. Ich bin aus meinem Heimweh hinausgewachsen.
Und plötzlich weiß ich wieder, warum ich so unbedingt gehen wollte, damals. Diese niedliche, kleine Stadt, dieses Zuhausegefühl, aber: Diese Stille. Das Leben, das einen großen Bogen macht um den Kurort, wie still hier alles ist und wie friedlich und wie viel Atem, wie wenig ich mich lebendig fühlen durfte. Mäc-Geiz in meiner Erinnerung nur so toll, weil es nur hier irgendetwas Brauchbares zu kaufen gab; das Café ist in Wahrheit nicht süß, sondern bloß überteuert und selbst der Einrichtungsladen bloß ein Depot-Abklatsch.
Es ist schön. Es ist entzaubert.
Der Kurpark war vor allem im Dunkeln schön, wenn man sich aus dem Fenster gestohlen und das Leben spüren konnte. Hier, an dem Brunnen, saß ich und schrieb meine Abschiedsrede. Aber das Wasser ist grün.
"Sie haben da eine Laufmasche", sagt eine Frau, die an mir vorbeiläuft, "vielleicht irgendwo hängen geblieben."
Ja, bin ich. Hängen geblieben in der Zeit und falschen, verstaubten Erinnerungen. Es war schön. Es war wichtig. Es ist Vergangenheit. Ich bin zu groß geworden.

Im Aufenthaltsraum spielt das Mädchen, lässt ihre dürren Finger über Klaviertasten tanzen. Die Hose hängt verloren an ihr herunter, die wenigen, dünnen Haare streng zurück gesteckt (wie gut ich das kenne, man hat alles unter Kontrolle, nicht wahr, wie oft hast du in der Therapie schon über deine Frisur gesprochen, wie oft), das harte, knochige Gesicht aus weißem Schnee. Sie spielt und spielt, bis ihre großen, leeren Augen sich rot umranden. Über den Tasten weint sie ihrer Verzweiflung ein stilles Lied. Und ich, ich bin nicht neidisch. Ich will sagen: Es gibt ein Danach. Dein enges Konzept erwürgt dich selbst. Du darfst und es geht. Es tut weh. Aber du musst nicht verschwinden.

Aber all das, all das muss ich nicht mehr sagen. Ich musste noch einmal herkommen. Ich denke, es war gut, den Ort zu entzaubern. Er ist nicht mehr mein Heute.

6 Kommentare:

  1. So schöne Worte und noch schönere Erkenntnisse. <3

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  2. Die Vergangenheit ist vergangen, doch manchmal muss man sich dessen vergewissern. Es ist gut, wenn das Gewesene ruht, danke, dass Du diesen Text mit uns geteilt hast. Liebe Grüße, Pirandîl

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  3. Was für ein wundervoller schöner Text. Sowas tröstet mich immer, weil ich auch oft in der Vergangenheit stecken bleibe. Aber die Zukunft hat so viele schöne Momente für uns. Ich hoffe wir können das alle nutzen!

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Dieser Text ist wirklich berührend.
    Ja, es gibt ein Danach. Wir müssen uns nicht von unseren eigenen Fesseln erwürgen lassen.
    Danke für diese Worte. Ich wünsche dir, dass du noch viele Menschen durch deine Authentizität inspirieren kannst.

    Alles Liebe,
    Feli

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  6. Dieser Text ist wirklich berührend.
    Ja, es gibt ein Danach. Wir müssen uns nicht von unseren eigenen Fesseln erwürgen lassen.
    Danke für diese Worte. Ich wünsche dir, dass du noch viele Menschen durch deine Authentizität inspirieren kannst.

    Alles Liebe,
    Feli

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