Montag, 29. August 2016


"Das Buch ist grundsätzlich ok. Aber leider ist diese Krankheit nicht so einfach zu durchbrechen. Jedenfalls nicht, wenn es sich um eine echte Erkrankung handelt. Und hier gilt es zu unterscheiden. Das Buch kann hilfreich sein für alle Mädchen, die ohne ersichtlichen Grund in die Symptomatik einer Magersucht hineinrutschen oder schon damit zu kämpfen haben. Für diejenigen allerdings, die aufgrund einer schweren Traumatisierung an dieser Krankheit leiden, ist das Buch eine saftige Ohrfeige. Denn diese Menschen leiden anders, tiefer und vor allen Dingen länger."


Lieber Anon,

zuerst möchte ich sagen, dass ich deine Meinung durchaus schon wahrgenommen habe (schließlich stand sie vor ein paar Monaten auf Amazon) und mir nicht sicher bin, ob die Tatsache, dass du auf meinen Blog stößt und sie hier noch einmal schreibst, etwas damit zu tun hat, dass du unbedingt willst, dass ich als Autorin sie mitbekomme, ob du mich nur ärgern willst und gar nicht der Verfasser bist, sie lediglich kopiert hast, oder aber, ob du dir eine Reaktion darauf erwünscht.
Was auch immer deine Ambitionen sein mögen, ich werde darauf mal reagieren, in der Hoffnung, vielleicht so sogar einen Dialog über dieses Thema eröffnen zu können.

Dazu mal verschiedene Punkte. Erstens erzähle ich an keiner Stelle des Buches, die Krankheit wäre einfach zu durchbrechen. Ich beschreibe meine Erfahrungen in der Klinik und auch, wie viel besser es mir geht; dabei ist der Fokus aber weniger auf Therapieerfolge und Ursachenforschung gelegt, als auf das Gefühl der eigenen Lebensfreude, das in jedem schlummert, der erwachte Willen, den ich gespürt habe.

Schon häufig habe ich gehört, in dem Buch würden Gründe fehlen, Gründe für meine Krankheit. Immerhin bist du der Erste, der soweit geht, mir (und tausenden anderen Mädchen) diese Gründe gänzlich abzusprechen, bzw sie "nicht ersichtlich" zu nennen. Keiner rutscht "ohne ersichtliche Gründe" in solch eine Krankheit.
Nun gibt es natürlich sehr viele Fälle von Krankheitsverläufen, in denen der Krankheit eine Traumatisierung vorausgeht. Hierbei handelt es sich aber nicht um eine komplexere Art der Essstörung, vielmehr kann es vorkommen, dass sie nur ein Symptom von vielen ist.

Ich nenne meine Gründe für die Essstörung  nicht, weil ich mich bewusst dagegen entschieden habe. Sich der Öffentlichkeit stellen bedeutet, sich so nackt zu machen, wie man kann und will, diesen Balanceakt habe ich versucht und für mich zufriedenstellend gemeistert.
Gleichzeitig finde ich es extrem verletzend, gegenüber mir und auch allen anderen Betroffenen, die Stärke und das Leiden verschiedener Essstörungen aus verschiedenen Gründen gegeneinander aufzuwiegen.
Ich kenne Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen, in unterschiedlichsten Lebenslagen und in unterschiedlichsten "Härtegraden" in unterschiedlichste Essstörungen gerutscht sind. Niemals würde ich mir anmaßen, ein Leid, welches nicht mein eigenes ist, in seiner Intensität zu beurteilen.

Noch ein letzter Punkt zu deinen allerletzten Worten ("vor allen Dingen länger") - ich habe keine Traumatisierung im klassischen Sinne erlebt.
Es sind nun über sieben Jahre, die ich durch diese beschissene abgefuckte Essstörung dümpele, sie hat mir unfassbar viel zerstört, ich habe gehungert und mich blutig gekotzt und meinen Körper nicht ansehen können und mich gehasst gehasst geekelt vor mir, es sind nun über sieben Jahre.
Um es genauer zu sagen; du darfst das Buch kritisieren, du darfst die Geschichte kritisieren, die Tatsache, dass Gründe fehlen, aber fick dich, wenn du dich noch einmal wagst, mir und anderen Betroffenen vorzuwerfen, wir würden nicht lange und nicht tief genug leiden.

3 Kommentare:

  1. Unglaublich gut, wie du dich gerechtfertigt hast. (man beachte, dass du das nichtmal musstest)
    Unglaublich traurig, wie Anon dir vorwirft nicht genug gelitten zu haben

    lg

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  2. es ist so krass von dem anon wie er meint, er könnte über dein leben urteilen ohne irgendetwas zu wissen.

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  3. jeden "Einwand" sehr rational und konstruktiv entkräftet oder hinterfragt. Und auch Hut ab dafür, dass du den Mut besitzt, dich dazu zu äußern :)

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