Montag, 21. März 2016

Bekenntnisse

In der Grundschule liebte ich Felix, mit den Locken und Grübchen und dem FelixderHase Halstuch. Er war süß, er war liebevoll, er redete nach der Schule mit mir, wenn sie mich gegen Wände warfen, kam er später zu mir und sagte, ich hoffe, es tut nicht mehr weh, es tut mir Leid, ich hätte dich beschützen müssen. Aber er liebte mich nicht.

In der siebten Klasse liebte ich das namenlose Mädchen aus dem Chor, weil ich weinen musste,wenn sie sang, ich wollte sein wie sie: Stark, schön, berührend. Noch heute denke ich an sie, wenn ich diese Musik höre. Aber sie liebte mich nicht. 

Ich liebte meinen Freund nicht, vielleicht, weil ich nie wusste, warum er mich liebte.  

Ich liebte das Mädchen aus der Ferne, das zu mir kam und mich liebte, das Mädchen, das mir zeigte, dass ich zu lieben bin, auch aus der Nähe, ich hasste mich dafür, dass ich sie wegstieß, weil ich mich selbst nicht ertrug. 

Ich liebte so viele Personen, aber am Ende kann ich sagen, dass es eine andere Art der Liebe war, die mich über Wasser hielt:
Wie ich meinen kleinen Chinesen liebe, für ihr Chaos und die Art, wie sie zeichnete, wie sie auf mir herumklettern konnte und meine Wunden versorgte, wie sie Algen mit Stäbchen aß und mir Glasfüller aus Venedig mitbrachte, wie sie in Berlin mit mir über den Sinn des Lebens diskutierte und mir zeigte, wie schön ich war. 


Ich liebe C. für die Art, wie sie mich hälthälthält und da ist, für die Art, wie sie lacht, wenn sie mit ihrem Fellknäuel spielt, dafür, dass sie Worte liebt und manchmal auch meine und so viele Worte schenkt, für die Art, wie sie sieht, viel zu viel und alles zwischen den Zeilen, ich liebe sie, weil sie die Gabe hat, bei mir und fünftausend anderen Dingen gleichzeitig zu sein, weil sie mir manchmal zeigen kann, dass ich schön bin, weil da eine Hand ist, wenn ich selbst aus Staub bin, für die Art, wie sie meinen Schmerz mittrug, als ich ihn nicht mehr tragen konnte. 


Ich liebe K., für ihr Aufpassen und dafür, dass ihr Herz so groß ist, dass sogar fünf von mir Platz hätten, dafür, dass da so viel Platz in ihrem Leben ist für mich und dass sie mit Worten Bilder zeichnen kann, dafür, dass ich mein Handy grinsend anstarre, den ganzen Tag lang, dafür, dass sie ganz nah ist, obwohl sie soweit weg ist, dafür, dass ich mit ihr einschlafen kann. 

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Ich wollte so oft nach Hause gehen, obwohl ich längst dort war. Es gab nie ein Zuhause, nur diese Sprache, die war es, diese Sprache, in der mein Name sanft klang, das Bilderbuch von dem Dackel, der von einem Vogel geklaut wird, der kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? Ich habe vergessen, danach zu fragen, vielleicht habe ich auch die Antwort nie verstanden, sie war in einer fremden Sprache. 

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Wie kann man geben, ohne woanders zu nehmen, es ist der immergleiche Kreislauf, ich wünschte, es gäbe mehr Balance.

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Ich wünschte, meine Mutter würde mir von dem Moment erzählen, indem sie meinen Namen zum ersten Mal aussprach, ob sie mich ansah dabei, ich wünschte, ich könnte ihren Blick sehen, ihn spüren, ich frage mich, wie es sich angefühlt haben muss. Ich wünschte, ich könnte sie nach all den Momenten fragen, in denen sie bereute, mich auf die Welt gebracht zu haben, ich wünschte, ich könnte sie fragen, ob sie weiß, wie viel Schmerz sie ausgelöst hat, aber wie sagt man so etwas einem Menschen, der jede Schuld aufsaugt und auf seine eigenen Schultern legt, wie sagt man etwas, das man sich selbst nicht glaubt?

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Einmal sollten sie auf einem Schreibseminar einen Satz über sich sagen, den intimsten, innersten Satz, den sie spürten, und diese Frau sagte: Ich war mein ganzes Leben lang für meine Mutter da, und ich sah diese Frau an und fühlte mich plötzlich so unfassbar klein, dass ich es kaum ertrug. Sie hatte mir meine Wahrheit genommen und in Worte gefasst, sie weiß bis heute nicht, wie viel sie mir damit schenkte. 

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Ich kann meinen eigenen Schmerz besser ertragen als Fremden, und wenn jemand in meinen Armen zerbricht, dann zerbreche ich mit. Es ist ein schönes Zerbrechen, ein sanftes, eines, das mich tief mitfühlen lässt, aber gleichzeitig hat es Menschenmassen in meine Arme getrieben, es hat ausgelöst, dass sich die ganze Welt von mir halten ließ, während ich haltlos Halt darin fand, anderen welchen zu schenken. 

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Mein erstes Gedicht schrieb ich mit acht Jahren, es hieß "Halt mich".

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Einmal sagte diese Frau, du hältst ja irre viel, das ist toll und ich nickte und sie sah mich an und sagte: Wer hält dich? Es gab keine Antwort, damals nicht. 

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Niemals, niemals würde ich mir wünschen, noch einmal Kind zu sein; ich könnte nicht froher darüber sein, älter zu werden, es tut nicht weh. 

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Ich bin lange über meinem Ablaufdatum, ich bin noch da. 


Ich zähle die Tage bis zum Meer. 

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Eins dieser Dinge war gelogen. 


2 Kommentare:

  1. thank you, anni, really, thank you, for your words and your feelings.
    and i promise you, getting older is not nearly as bad as it seems.
    ich hab dir, glaube ich, schon mal geschrieben, dass ich mit 19, mit 20, mit 21 dachte, jetzt könnte ich doch sterben, ich habe alles gesehen, ich mag nicht mehr, immer noch ein jahr und noch eines und nichts wird besser, nichts. ich dachte, was auch immer kommen mag, es kann nur schlimmer werden. aber dem war nicht so und irgendwann... wurde es leichter. und grad bin ich froh, dass ich nicht mehr kind bin, dass ich das überstanden habe und ein bisschen fühle ich mich frei, meistens. ich wünsche dir freiheit.
    eine lange und feste umarmung, anni,
    anna.

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