"ich finde kein passendes wort, wonach du dich sehnst, vielleicht gänze? vollkommenheit im trost?"
vielleicht. wer findet schon worte.
"willst du versuchen, dafür worte zu finden? etwas zu schreiben dazu?"
vielleicht.
"bestimmt gibt es schon texte dazu, oder?"
natürlich. ich habe mein schweigen schon unzählige male in worte gefasst.
ich habe mein schweigen in gedichte gepresst, in prosatexte, in gewinnertexte. ich habe meinem schweigen titel gegeben und hashtags und daten. und ich schweige über die worte hinweg. denn.
ich bin das kind
das gebeten wurde zu schweigen
und ich schweige.
das gebeten wurde zu schweigen
und ich schweige.
ich schweige in die zeit hinein
um ihr wiederzugeben
was sie mir gestohlen hat
um ihr wiederzugeben
was sie mir gestohlen hat
ich bin auf einer schmerzskala
eine acht
und ich war zwischendurch schon
eine zehn
eine acht
und ich war zwischendurch schon
eine zehn
aber ich habe mich gegen das weinen entschieden
und dafür, zu sterben.
und dafür, zu sterben.
weil es einfacher ist zu gehen
aus dem raum auf die schultoilette aus dem leben
als zu weinen
aus dem raum auf die schultoilette aus dem leben
als zu weinen
ich war kein schwaches kind
ich war ein beachtlich starkes kind,
sie nannten mich robust. robust und geduldig,
unendlich geduldig.
ich war ein beachtlich starkes kind,
sie nannten mich robust. robust und geduldig,
unendlich geduldig.
(dabei tat alles weh, so weh
das sah man nicht
von außen)
das sah man nicht
von außen)
einmal, als sie uns impfen ließen
habe ich die ärztin vorher gefragt
einen moment noch, habe ich gesagt, ich muss noch wissen:
darf ich weinen?
habe ich die ärztin vorher gefragt
einen moment noch, habe ich gesagt, ich muss noch wissen:
darf ich weinen?
sie hat mich angesehen und gesagt
natürlich darfst du weinen
da bin ich aus dem raum gerannt
weil ich dachte, wenn ich weinen darf
dann werden die schmerzen unaushaltbar sein
ich hatte angst
natürlich darfst du weinen
da bin ich aus dem raum gerannt
weil ich dachte, wenn ich weinen darf
dann werden die schmerzen unaushaltbar sein
ich hatte angst
ich habe eine rechnung aufgestellt
es gilt:
schmerz + reaktion = trost
wenn aber reaktion > schmerz
dann schrumpft der trost
(stell dich nicht so an)
und wenn reaktion < schmerz
dann schrumpft der trost
(scheint nicht so schlimm gewesen zu sein)
es gilt:
schmerz + reaktion = trost
wenn aber reaktion > schmerz
dann schrumpft der trost
(stell dich nicht so an)
und wenn reaktion < schmerz
dann schrumpft der trost
(scheint nicht so schlimm gewesen zu sein)
nun aber nehme man
beinahe jedem schmerz
die reaktion
in jeder situation
beinahe jedem schmerz
die reaktion
in jeder situation
(ein tapferes, robustes kind)
wenn plötzlich eine reaktion auftritt
die riesengroßschwertraurig ist
die riesengroßschwertraurig ist
dann ist der trost und die sorge
unendlich viel
unendlich viel
("hättest du so geweint wie dein bruder
wenn er sich nur den zeh gestoßen hatte
wären wir innerhalb von ein paar minuten
im krankenhaus gewesen")
wenn er sich nur den zeh gestoßen hatte
wären wir innerhalb von ein paar minuten
im krankenhaus gewesen")
ich bin ein kind
das sich trost wünscht
und verlernt hat, danach zu fragen
das sich trost wünscht
und verlernt hat, danach zu fragen
ich bin ein kind,
das gebeten wurde zu schweigen.
das gebeten wurde zu schweigen.
und ich schweige.
in die zeit hinein
und aus ihr heraus
in die zeit hinein
und aus ihr heraus
(so ein stilles, umgängliches kind)
ich habe nicht geweint
als
und auch nicht
als
nicht mal
als
als
und auch nicht
als
nicht mal
als
so viel trost
den ich mir selbst
genommen habe.
den ich mir selbst
genommen habe.
und die zeit
hat mich künstlich großgezogen
hat mich künstlich großgezogen
aus dem übersehenen kind
wurde ein gesehenes, verhungerndes mädchen
kein trost
für selbstzerstörung
dafür nicht.
ich bin so müde.
und in mir pochen keine glitzernden tränen
in mir wüten stürme
und in mir pochen keine glitzernden tränen
in mir wüten stürme
also
wenn du mich leise weinen hörst,
komm mir nicht zu nah
komm mir nicht zu nah
ich mach das schon seit jahren
du wirst ertrinken
Deine Worte fesseln, erschrecken, verstören vielleicht sogar, ich bin mir nicht sicher. Darf ich Dir Trost wünschen, eine Umarmung vielleicht sogar? Ich wünsche es Dir einfach und nehme Dich in den Arm, nur so lange Du willst. Liebe Grüße, Pirandîl
AntwortenLöschenHey, Ich folge immer lieber Blogs mit unter 100 Followern. Aber dir musste ich trotzdem folgen, weil dieses Gedicht mich so umgehauen hat. Dein Schweigen in Gedichte pressen, das kannst du wirklich. Die Worte sind so wunderschön miteinander verwoben, so wunderschön ausgewählt, so wunderschön im Textbild organisiert, aber der Inhalt ist echt zum Heulen und es tut mir so leid. Ich wünsche dir das Allerbeste!
AntwortenLöschenLg, Liv
Liebe Anni, wir wissen beide, der Körper atmet von allein.
AntwortenLöschenUnd ja, es geht weiter.
Aber bedeutet das auch, etwas zu schaffen? Nur weil man weiter atmet?
Ich bin mir absolut nicht sicher.