Samstag, 21. Januar 2017

Schwarzer Park

Im Wohnblock hocken, im Quader hocken und zuhören, wie der Wind an den Türen reißt, und horchen, nur weil die Tür nicht schließt.
Immer glauben, dass jemand kommt, und dann ist es Abend und zu spät für diesen Besuch.
Immer zusehen, wie sich der Vorhang beult, als käme ein riesiger Ball herein ins Zimmer.
In den Vasen stehn die Blumen in so großen Sträußen, dass sie bloß ein Dickicht sind, erstickend schön und zerrüttelt, als wäre das ein Leben.
Und die Mühe, die man hat, mit diesem Leben.
Über Flaschen steigen, die noch von gestern auf dem Teppich stehn. Die Kastentür weit offen, wie in einer Gruft liegen die Kleider drin. So leer, als gäbe es den nicht, dem sie gehören.
Der Herbst für die Hunde im Park, für die späten Hochzeiten in den Sommergärten im November, mit geliehenem Geld und großen, feuerroten Blumen und Zahnstochern in den Oliven.
Die Gegend voller Bräute in geliehenen Autos, die Stadt voller Fotografen mit karierten Mützen. Hinter den Kleidern der Bräute reißt der Film.
Blauäugiges verrunzeltes Mädchen, wo gehst du hin früh am Morgen, über so viel Asphalt. Jahrelang durch den schwarzen Park.
Als du sagtest, der Sommer kommt, hast du nicht an den Sommer gedacht. Und was redest du jetzt vom Herbst, als wär diese Stadt nicht aus Stein, als welkte an ihr je ein Blatt.
Deine Freunde haben Schatten im Haar und sehen dir zu, wie du traurig bist, und gewöhnen sich daran und finden sich damit ab. Das bist du. Was kann man da tun, wenn egal wovon die Rede ist, vom Verlieren die Rede ist. Was hilft da noch, wenn die Angst in den Weingläsern hilft gegen die Angst und wenn die Flasche immer leerer wird. Wenn das Lachen schallend ist, wenn sie sich biegen vor Lachen, wenn sie sich zu Tode lachen, was hilft da noch.
Und wir sind doch noch jung.
Und ein Diktator ist wieder gestürzt, und die Mafia hat wieder einen umgebracht, und ein Terrorist liegt im Sterben in Italien.
Du kannst nicht trinken, Mädchen, gegen deine Angst. Du nippst an diesem Glas wie all die Frauen, die kein Leben haben, die nicht hineinpassen in den Kram, in diese Gesellschaft und in keinen anderen Kram. Auch nicht in ihren eigenen.
Und wenn die Leute sich nicht wehren, was kann da noch geschehn.
Es ist schal in deinen Augen. Es ist schal und abgestanden, dein Gefühl. Es ist schade um dich, Mädchen, es ist schade.
- Herta Müller

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