Mittwoch, 5. April 2017

Zwischen Zug und Bahnsteinkante ist ein Schlitz, please mind the gap, mit der Fußspitze fast hineingerutscht, der Koffer scheppert. Jemand stößt mich an, ein Ellbogen, mein oder sein Fehler, keine weiß, wem welches Stolpern gehört. Meine Füße nebeneinander, sobald ich die weiße Linie übertreten habe, hier darf man stehen, hier ist man sicher, ich warte. Die Menschen strömen wie Regen von glattem Glas aus dem Gleis hinweg, nur ich bleibe stehen, die letzte in der Reihe. Die Zugtür hinter mir piepst dreimal, dann schließt sie sich, gleitend und vorsichtig, als wäre der Zug keine verrostete, wackelige Gefahr für die Menschheit, als wäre er sanft und vorsichtig und sicher.

Das Gepäckband ist kaputt, bitte nicht mitfahren, rot umrandet, jemand hat mit schwarzem Edding einen Smiley darunter geschmiert. Ich packe den Koffer am Griff, ächzend, auf jeder Stufe eine kleine Pause. Keiner hilft, ich bin der letzte Wassertropfen, ich hätte schneller sein müssen. Eine kleine Unterführung, jemand hat geraucht, es hängt noch in der Luft und in den Wänden, kalter, verblasster Rauch, vielleicht eine Zigarre. Und wieder hoch, auf jeder Stufe Pause, ächzend, keiner hilft dem letzten Wassertropfen.

Er hat gesagt, er steht dann da, da hat er gesagt und er würde mich schon finden, es klang wie eine Drohung. Ich ziehe meinen Ärmel über die Hände, um die Glastür der Eingangshalle nicht anfassen zu müssen; wie viele Menschen, wie viele Bakterien, ich muss mir die Hände waschen. Erst beim zweiten Mal gelingt es mir, die Tür in meine Richtung zu ziehen, ich gleite schnell hindurch, sie fällt hinter mir zu, bevor der Koffer mitkommen konnte, ich habe den Griff in der Hand und die Tür lehnt sich an ihn, lässig, als wolle sie mich provozieren. Ich kann dich durchschlagen, sage ich, ich kann das laut sagen, ich bin der letzte Wassertropfen, der Bahnhof ist ausgestorben.

Ich kann meinen Koffer nicht leiden.

Obwohl ich es erwartet habe, ist es in der Halle nicht viel wärmer als draußen. Es ist grau und fühlt sich an, als würde es regnen. Rechts kann man Geld wechseln und links sich selbst, man kann anders wohnen, anders aussehen und zehn Kilo in nur dreißig Minuten verlieren, ich gehe zu Heidi Klum, da ist ein Skandal, ich bin auch einer, er steht nicht da. Das Licht ist heller, hier ist es bunt und freundlich, hier will ich sein.

Ich weiß nicht, wieso wir uns treffen sollen, wir treffen uns ja doch nur wieder, das tut weh und ich krümme mich dann im Licht solange, bis ich ein Kreis bin, der immer wieder von vorne anfängt, er wird lachen und ich in den Zug steigen und er wird mich den ganzen Tag lang noch treffen.
Neben Heidi Klum liegen andere Gesichter, sie sehen glücklich aus, ich frage mich, ob ich auch so glücklich aussähe, wenn mein Kopf auf einem viereckigen Tisch läge und jeden Tag begutachtet und nur 3,20 kosten würde. Hinter Heidi sind Mandalas, malt euch in die Entspannung rein, es knallt.
Ich drehe mich um. Mein Koffer ist an einer Ecke hängen geblieben und hat einen großen Stapel Zeitschriften mit sich gezogen. Heidi liegt auf dem Boden und lacht immer noch. Ich lasse den Koffer blitzartig los, als wolle ich leugnen, dass wir zusammengehören. Mein Gesicht wird ganz warm, generell ist es so heiß hier drin, ich reiße mir den Schal vom Hals und eile zu Heidi, um sie aufzuheben, ein eiliger Blick zur Theke. Eine Frau, graue, kurze Haare, leicht untersetzt, sieht mich an, sie kaut Kaugummi und starrt einfach  nur. Entschuldigung, sage ich. Sie macht eine Blase und lässt sie zerplatzen.

Ich drehe mich von den Mandalas weg und verlasse den Laden, wieder in die kühle, graue Bahnhofshalle.
Er steht nicht da, wo auch immer da ist. Mein Handy piept, es ist in meinem Rucksack, ganz unten, ich muss ihn auf den Boden stellen und wühlen, ohne dass die Dinge hinausfallen und mich entblößen. "Treffen in der Altstadt?", steht da und ich sage ja, stecke das Handy in die Tasche, schließe den Rucksack und setze ihn wieder auf. Der Koffer muss immer noch mit, erneut eine schwere Glastür, dieses mal aus der anderen Richtung, dann drei Stufen, aus Stein.
Der Koffer ist egal genug, dass ich ihn jetzt einfach scheppernd hinter mir herschleife.

Er hat gesagt, er steht dann da, aber er steht nicht da und die Altstadt ist groß und ich bin klein. Ein Bus hält quietschend, kurz sieht es so aus, als würde er die Reifen dort stehen lassen und nach vorne fallen, dann fängt er sich wieder. Er hat es immer gesagt. Ich bin da, hat er gesagt, ich bin da, aber sein da war nie mein hier.

Kante, Wassertropfen, please mind the gap. Gattung: Fluchttier, Selbstdiagnose. Ich lasse nicht zu, dass es mich trifft, nicht noch einmal.


3 Kommentare:

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