Zwischen Zug und Bahnsteinkante ist ein Schlitz, please mind
the gap, mit der Fußspitze fast hineingerutscht, der Koffer scheppert. Jemand
stößt mich an, ein Ellbogen, mein oder sein Fehler, keine weiß, wem welches
Stolpern gehört. Meine Füße nebeneinander, sobald ich die weiße Linie
übertreten habe, hier darf man stehen, hier ist man sicher, ich warte. Die
Menschen strömen wie Regen von glattem Glas aus dem Gleis hinweg, nur ich
bleibe stehen, die letzte in der Reihe. Die Zugtür hinter mir piepst dreimal,
dann schließt sie sich, gleitend und vorsichtig, als wäre der Zug keine
verrostete, wackelige Gefahr für die Menschheit, als wäre er sanft und
vorsichtig und sicher.
Das Gepäckband ist kaputt, bitte nicht mitfahren, rot
umrandet, jemand hat mit schwarzem Edding einen Smiley darunter geschmiert. Ich
packe den Koffer am Griff, ächzend, auf jeder Stufe eine kleine Pause. Keiner
hilft, ich bin der letzte Wassertropfen, ich hätte schneller sein müssen. Eine
kleine Unterführung, jemand hat geraucht, es hängt noch in der Luft und in den
Wänden, kalter, verblasster Rauch, vielleicht eine Zigarre. Und wieder hoch,
auf jeder Stufe Pause, ächzend, keiner hilft dem letzten Wassertropfen.
Er hat gesagt, er steht dann da, da hat er gesagt und er
würde mich schon finden, es klang wie eine Drohung. Ich ziehe meinen Ärmel über
die Hände, um die Glastür der Eingangshalle nicht anfassen zu müssen; wie viele
Menschen, wie viele Bakterien, ich muss mir die Hände waschen. Erst beim
zweiten Mal gelingt es mir, die Tür in meine Richtung zu ziehen, ich gleite
schnell hindurch, sie fällt hinter mir zu, bevor der Koffer mitkommen konnte,
ich habe den Griff in der Hand und die Tür lehnt sich an ihn, lässig, als wolle
sie mich provozieren. Ich kann dich durchschlagen, sage ich, ich kann das laut
sagen, ich bin der letzte Wassertropfen, der Bahnhof ist ausgestorben.
Ich kann meinen Koffer nicht leiden.
Obwohl ich es erwartet habe, ist es in der Halle nicht viel
wärmer als draußen. Es ist grau und fühlt sich an, als würde es regnen. Rechts
kann man Geld wechseln und links sich selbst, man kann anders wohnen, anders
aussehen und zehn Kilo in nur dreißig Minuten verlieren, ich gehe zu Heidi
Klum, da ist ein Skandal, ich bin auch einer, er steht nicht da. Das Licht ist
heller, hier ist es bunt und freundlich, hier will ich sein.
Ich weiß nicht, wieso wir uns treffen sollen, wir treffen
uns ja doch nur wieder, das tut weh und ich krümme mich dann im Licht solange,
bis ich ein Kreis bin, der immer wieder von vorne anfängt, er wird lachen und
ich in den Zug steigen und er wird mich den ganzen Tag lang noch treffen.
Neben Heidi Klum liegen andere Gesichter, sie sehen
glücklich aus, ich frage mich, ob ich auch so glücklich aussähe, wenn mein Kopf
auf einem viereckigen Tisch läge und jeden Tag begutachtet und nur 3,20 kosten
würde. Hinter Heidi sind Mandalas, malt euch in die Entspannung rein, es
knallt.
Ich drehe mich um. Mein Koffer ist an einer Ecke hängen
geblieben und hat einen großen Stapel Zeitschriften mit sich gezogen. Heidi
liegt auf dem Boden und lacht immer noch. Ich lasse den Koffer blitzartig los,
als wolle ich leugnen, dass wir zusammengehören. Mein Gesicht wird ganz warm,
generell ist es so heiß hier drin, ich reiße mir den Schal vom Hals und eile zu
Heidi, um sie aufzuheben, ein eiliger Blick zur Theke. Eine Frau, graue, kurze
Haare, leicht untersetzt, sieht mich an, sie kaut Kaugummi und starrt
einfach nur. Entschuldigung, sage ich.
Sie macht eine Blase und lässt sie zerplatzen.
Ich drehe mich von den Mandalas weg und verlasse den Laden,
wieder in die kühle, graue Bahnhofshalle.
Er steht nicht da, wo auch immer da ist. Mein Handy piept,
es ist in meinem Rucksack, ganz unten, ich muss ihn auf den Boden stellen und
wühlen, ohne dass die Dinge hinausfallen und mich entblößen. "Treffen in
der Altstadt?", steht da und ich sage ja, stecke das Handy in die Tasche,
schließe den Rucksack und setze ihn wieder auf. Der Koffer muss immer noch mit,
erneut eine schwere Glastür, dieses mal aus der anderen Richtung, dann drei
Stufen, aus Stein.
Der Koffer ist egal genug, dass ich ihn jetzt einfach
scheppernd hinter mir herschleife.
Er hat gesagt, er steht dann da, aber er steht nicht da und
die Altstadt ist groß und ich bin klein. Ein Bus hält quietschend, kurz sieht
es so aus, als würde er die Reifen dort stehen lassen und nach vorne fallen,
dann fängt er sich wieder. Er hat es immer gesagt. Ich bin da, hat er gesagt,
ich bin da, aber sein da war nie mein hier.
Kante, Wassertropfen, please mind the gap. Gattung:
Fluchttier, Selbstdiagnose. Ich lasse nicht zu, dass es mich trifft, nicht noch
einmal.
Willkommen zurück! <3
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Herztröpchen
AntwortenLöschenLG